„Geschichte ist kein Inventar des Leidens. Sie ist eine Form, Wahrheit wiederherzustellen“
Ein Gespräch über Persönlichkeit, universitäre Erfahrung, Bücher, Erinnerung und die Verantwortung der Historikerin
Es gibt Historiker, die Institutionen, Entscheidungen und Chronologien rekonstruieren, und es gibt Historiker, die hinter den Mechanismen der Macht nach den Stimmen jener Menschen suchen, an denen diese Macht ausgeübt wurde. In den Büchern von Mariana S. Țăranu begegnen sich beide Perspektiven. Das Archivdokument wird mit wissenschaftlicher Strenge untersucht, aber nicht von dem menschlichen Schicksal getrennt, das sich dahinter verbirgt: der zum „Feind“ erklärte Intellektuelle, der seiner Nahrungsmittel beraubte Bauer, die deportierte Familie, der Mensch, der an Stalin schrieb, oder der Kriegsteilnehmer, der mit den Fragen und dem Verrat eines nie vollständig verstandenen Krieges zurückblieb.
Mariana S. Țăranu ist promovierte Historikerin, Spezialistin für Archive und dokumentarisches Kulturerbe und seit 2011 in der Republik Moldau Inhaberin des wissenschaftlich-didaktischen Titels einer Universitätsdozentin — conferențiar universitar — im Fach Soziologie. Ihre Forschung gilt vor allem der Geschichte Sowjetmoldaus: der Repression, der organisierten Hungersnot, den Deportationen, dem Widerstand und den Mechanismen, mit denen die totalitäre Macht Gesellschaft und Identität der Menschen umzuformen versuchte. In diesem Interview spricht sie über sich selbst, ihre Erfahrung in der Hochschullehre, die Bücher, die ihr Profil als Historikerin geprägt haben, den gemeinsam mit Vitalie Guțu realisierten Dokumentarfilm und ihre Überzeugung, dass die Vergangenheit nicht nur Fachleuten, sondern der gesamten Gesellschaft erklärt werden muss.
Der Text wurde als autobiografisches Interview auf der Grundlage der Berufserfahrung, der veröffentlichten Arbeiten und der persönlichen Aussagen der Autorin verfasst.
Frage: Wer ist Mariana S. Țăranu jenseits ihrer akademischen Titel und veröffentlichten Bücher?
Mariana S. Țăranu: Vor allem bin ich ein neugieriger und sehr beharrlicher Mensch. Ich gebe mich nicht mit einer Erklärung zufrieden, nur weil sie oft wiederholt wurde. Ich verspüre das Bedürfnis, bis zum Dokument selbst vorzudringen, die Umstände zu überprüfen, verschiedene Stimmen miteinander zu vergleichen und zu verstehen, was sich hinter der offiziellen Sprache verbirgt. Bei öffentlichen Auftritten wirke ich vielleicht ernst. Ich bin ernst, wenn ich über Leid und Verantwortung spreche, doch Ernsthaftigkeit bedeutet keine Kälte. Ich mag den lebendigen Dialog, mutige Ideen, Spontaneität und jene Formen, durch die Geschichte den Menschen nähergebracht werden kann.
Mich kennzeichnen Genauigkeit, Unabhängigkeit des Denkens und eine gewisse Weigerung, es mir intellektuell bequem zu machen. Wenn ein Thema vorschnell als abgeschlossen gilt, beginne ich gerade dann, Fragen zu stellen. Und wenn hinter einer Akte ein vergessener Mensch steht, empfinde ich es als Pflicht der Historikerin, ihm seinen Platz in der Erzählung zurückzugeben.
Frage: Ein bedeutender Teil Ihres beruflichen Weges führte Sie in die Hochschullehre der Republik Moldau. Was haben Sie unterrichtet, und was bedeutete diese Erfahrung für Ihre Entwicklung?
Mariana S. Țăranu: Ich war im Hochschulwesen der Republik Moldau tätig und unterrichtete dort Soziologie und Politikwissenschaft. Die Begegnung mit den Studierenden zwang mich, komplexe Prozesse klar zu erklären, sozialwissenschaftliche Theorie mit historischer Wirklichkeit zu verbinden und politische Regime nicht nur als Abfolge von Entscheidungen zu betrachten, sondern als Mechanismen, die Institutionen, Mentalitäten und Verhaltensweisen verändern. Diese Erfahrung spiegelt sich auch in meinen Büchern wider: Mich interessieren sowohl die Strukturen der Macht als auch die Art und Weise, wie sie in das konkrete Leben der Menschen eingreifen.
Seit 2011 besitze ich in der Republik Moldau den wissenschaftlich-didaktischen Titel conferențiar universitar im Fach Soziologie, der sich annähernd mit „Universitätsdozentin“ wiedergeben lässt. Diese Präzisierung ist wichtig, weil die Hochschulsysteme der Republik Moldau und Rumäniens ähnliche Begriffe verwenden, ohne dass daraus automatisch dieselben Rechtswirkungen entstehen. Das am 23. November 2021 unterzeichnete und in Rumänien durch das Gesetz Nr. 174/2022 ratifizierte Abkommen über die gegenseitige Anerkennung von Diplomen, Zeugnissen und wissenschaftlichen Titeln regelt die Anerkennung von Bildungsnachweisen und, im Bereich wissenschaftlicher Titel, die Anerkennung des Doktordiploms und des Doktorgrades nach den jeweiligen nationalen Verfahren. Mein Lehrtitel wird in Rumänien durch dieses Abkommen nicht als solcher anerkannt und nicht automatisch gleichgestellt: Der moldauische wissenschaftlich-didaktische Titel conferențiar universitar wird nicht automatisch zur gleichnamigen Lehrfunktion im rumänischen Hochschulsystem. Die berufliche Anerkennung und Einstellung richten sich nach dem Recht des jeweiligen Staates; die Besetzung einer Hochschulstelle in Rumänien erfolgt nach den gesetzlich und institutionell vorgesehenen Verfahren.
Für mich ändert diese Verwaltungssituation weder die an der Universität gesammelte Erfahrung noch meine Verantwortung gegenüber dem Fachgebiet, in dem ich mich entwickelt habe. Ich erwähne sie aus Respekt vor der biografischen Wahrheit und vor den Lesern: Mein Titel wurde im Hochschulsystem der Republik Moldau erworben und ist dort gültig, wird in Rumänien jedoch nicht automatisch als gleichwertig anerkannt.
Frage: Wie begann Ihre Annäherung an die Geschichte?
Mariana S. Țăranu: Für mich begann Geschichte nicht als eine Abfolge von Jahreszahlen, sondern als eine Form der Annäherung an Orte und Menschen. Cimișeni, mein Heimatdorf, spielte in dieser Beziehung zur Vergangenheit eine wichtige Rolle. Daraus entstand der Band Cimișeni – file de istorie (1660–2013) (Cimișeni – Seiten der Geschichte, 1660–2013). Ich wollte nicht nur die Chronologie eines Ortes rekonstruieren, sondern auch zeigen, wie eine Gemeinschaft Imperien, Reformen, Kriege, Besatzungen und Regimewechsel durchlebt.
Die Mikrogeschichte hat mich etwas Wesentliches gelehrt: Große Politik wird erst dann wirklich verständlich, wenn wir sehen, wie sie in ein Haus, eine Schule, eine Kirche oder eine Familie eindringt. Die Geschichte eines Ortes ist kein „kleines“ Thema. Sie kann zu einer Linse werden, durch die eine ganze Epoche sichtbar wird.
Frage: Was umfasst die Monografie Cimișeni – file de istorie, und was bedeutet dieses Buch für Sie?
Mariana S. Țăranu: Das Buch verfolgt die Geschichte des Ortes von der frühesten ermittelten urkundlichen Erwähnung am 15. Juli 1660 bis zum Jahr 2013. Ich begann mit dem Gut und der Bevölkerung des Dorfes, mit den älteren Namensformen — Ciumeșeni, Ciumeșani oder Ciumișeni — und rekonstruierte anschließend die örtliche öffentliche Verwaltung, die Entwicklung des Bildungswesens, das religiöse Leben, die wirtschaftliche Entwicklung und die Gesundheitsversorgung.
Zugleich wurde die Geschichte Cimișenis von den großen Brüchen des 20. Jahrhunderts geprägt. Ich untersuchte die Zwangsmobilisierung der Einwohner während des Zweiten Weltkriegs, Verhaftungen, sowjetische Repressionen und Deportationen, die organisierte Hungersnot, die Kollektivierung und die Beteiligung von Menschen aus Cimișeni am Krieg am Dnister. So kann der Leser erkennen, wie Entscheidungen aus Bukarest, Moskau oder Chișinău das konkrete Leben einer Gemeinschaft veränderten.
Die Dokumentation stützte sich auf Unterlagen des Nationalarchivs der Republik Moldau, des Archivs der gesellschaftspolitischen Organisationen und des Sonderdepots des Nachrichten- und Sicherheitsdienstes sowie auf die Presse der Zeit, die Fachliteratur und Aussagen von Dorfbewohnern. Ich nahm Angaben zu den Eigentümern des Gutes, zur Agrarreform und zur Bevölkerungsentwicklung auf, ebenso Einwohnerlisten, Dokumente, Fotografien und Erinnerungen. Dadurch ist die Monografie nicht nur eine historische Erzählung, sondern auch ein Hilfsmittel, mit dem Familien die Namen ihrer Vorfahren wiederfinden können.
Es ist zugleich eines meiner persönlichsten Bücher. Ich widmete es meinen Eltern Simion und Lidia Țăranu, die viel zu früh verstorben sind. Meine Mutter gehörte neben anderen Dorfbewohnern zu jenen Menschen, die mir bei der Systematisierung und Ergänzung des Materials halfen. Deshalb verbindet der Band meine Identität als Forscherin mit meiner Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft, über die ich schreibe. Ich habe Cimișeni nicht von außen betrachtet, doch gerade diese Nähe verlangte von mir noch größere Genauigkeit, damit Geschichte nicht durch Nostalgie ersetzt wird.
Frage: Welches Leitmotiv verbindet Ihre Forschungen?
Mariana S. Țăranu: Das zentrale Thema ist das Verhältnis zwischen totalitärer Macht und Individuum. Mich interessierte besonders, was nach der Errichtung des Regimes in Sowjetmoldau geschah: wie frühere Institutionen und Hierarchien zerstört wurden, wie der „Feind“ definiert wurde, wie man die Eliten angriff, die Bauernschaft kontrollierte und Hunger, Deportation, Propaganda und Angst einsetzte, um die Gesellschaft umzuformen.
Ich untersuche die Repression nicht als Liste von Opfern und den sowjetischen Staat nicht als Abstraktion. Ich versuche, die Mechanismen zu erklären: Wer traf die Entscheidungen? Wer führte sie aus? Welche Sprache ließ sie akzeptabel erscheinen? Wie reagierten die Menschen, und welche Spuren blieben über Generationen hinweg zurück? Gleichzeitig beschäftige ich mich mit Widerstand — von offener Opposition bis zu scheinbar kleinen Gesten, mit denen Menschen ihren Glauben, ihre Erinnerung, ihre Sprache, ihr Eigentum oder ihre Würde verteidigten.
Frage: Eines der Bücher, die Ihre Forschungsrichtung geprägt haben, ist Vladimir Lenin fără machiaj sau teroarea intelectualității sovietice (Wladimir Lenin ungeschminkt oder der Terror gegen die sowjetische Intelligenzija). Warum begannen Sie mit Lenin und der Intelligenzija?
Mariana S. Țăranu: Weil viele Formen der Gewalt, die später ausschließlich mit dem Stalinismus verbunden wurden, frühere Wurzeln haben. Mich interessierte Lenin jenseits des offiziellen Porträts, das die sowjetische Propaganda sorgfältig geschaffen hatte und das teilweise selbst nach dem Zerfall der UdSSR fortbestand. Das Buch untersucht, wie Lenin und die bolschewistische Macht die Intelligenzija betrachteten, welche Politik sie gegenüber als unzuverlässig geltenden Intellektuellen verfolgten, wie Vertreter der russischen Kultur ins Exil gezwungen und deportiert wurden und wie eine dem neuen Regime loyale Intelligenzija geschaffen werden sollte.
Die Formulierung „ungeschminkt“ drückt meine Absicht aus, die Schicht der Mythologie zu entfernen. Es ging mir nicht um rhetorische Dämonisierung, sondern um eine Rekonstruktion auf der Grundlage von Dokumenten und von Ideen, die die bolschewistischen Führer selbst formuliert hatten. Die Intelligenzija gehörte zu den ersten Gruppen, an denen die neue Macht ihre Fähigkeit erprobte, Menschen auszuschließen, einzuschüchtern und zu ersetzen.
Frage: Anschließend untersuchten Sie eingehend die Anfänge Sowjetmoldaus während der ersten sowjetischen Besatzung. Welchen Stellenwert hat die Monografie Represiunea și rezistența din RSSM în perioada primei ocupații sovietice (1940–1941) (Repression und Widerstand in der Moldauischen SSR während der ersten sowjetischen Besatzung, 1940–1941) auf Ihrem beruflichen Weg?
Mariana S. Țăranu: Sie nimmt einen zentralen Platz ein, denn sie ist das Ergebnis einer mehr als zwei Jahrzehnte währenden Beschäftigung. Mein Interesse an diesem Thema begann bereits während des Studiums an der Staatlichen Pädagogischen Universität „Ion Creangă“ in Chișinău. In einer Vorlesung über die Zeitgeschichte der Rumänen sprach unser Professor über die Errichtung der sowjetischen Besatzung und die Gründung der Moldauischen SSR. Er machte uns darauf aufmerksam, dass zahlreiche Aspekte der Jahre 1940–1941 noch unzureichend erforscht seien. Damals sagte ich mir, dass ich dieses Thema untersuchen werde. Es war nicht nur die Begeisterung einer Studentin, sondern wurde zu einer beständigen Richtung meiner Arbeit.
Der Band Moldova de la Est de Prut în timpul primei ocupații sovietice (1940–1941) (Moldau östlich des Pruth während der ersten sowjetischen Besatzung, 1940–1941) stellte eine wichtige Etappe dieser Forschung dar. Die Monografie Represiunea și rezistența (Repression und Widerstand) ist jedoch die Synthese, in der ich die über Jahre gewonnenen Ergebnisse zusammenführte, erweiterte und vertiefte. Ihr liegen Hunderte von Dokumenten zugrunde, die ich im Nationalarchiv der Republik Moldau, im Archiv der gesellschaftspolitischen Organisationen der Republik Moldau und im Sonderdepot des Nachrichten- und Sicherheitsdienstes eingesehen habe. Hinzu kommen die Presse der Zeit, Statistiken, Memoiren und Aussagen von Überlebenden.
In dieser Monografie grenzte ich die Deportationsoperation in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1941 bewusst aus. Sie wurde später Gegenstand des Bandes Timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu sau deportarea elitelor din Moldova sovietică (Zeiten, die Gott nicht gewollt hat, oder Die Deportation der Eliten aus Sowjetmoldau). Diese Abgrenzung erlaubte mir, eingehend zu analysieren, durch welche Mechanismen innerhalb nur eines Jahres Institutionen, Wirtschaft, Schule, Kirche, Kultur und Alltag dem sowjetischen Modell unterworfen wurden.
Frage: Was entdeckt der Leser in dieser Monografie, und worin sehen Sie ihren wichtigsten Beitrag?
Mariana S. Țăranu: Der Titel könnte eine auf Verhaftungen und antisowjetische Opposition begrenzte Untersuchung vermuten lassen. Tatsächlich rekonstruiert das Buch jedoch sehr viel umfassender die Anatomie des ersten Besatzungsjahres. Ausgangspunkte waren die sowjetische und postsowjetische Geschichtsschreibung sowie eine kritische Quellenanalyse. Anschließend untersuchte ich die Ausweitung des NKWD in Sowjetmoldau, die Beschaffung von Informationen über Rumänien, die Tätigkeit der Militärtribunale, Staatsanwaltschaften und Gefängnisse sowie die Vernichtung von Vertretern des politischen und gesellschaftlichen Lebens aus der Zeit der rumänischen Verwaltung.
Ein eigenes Kapitel ist der Flucht und den Bevölkerungsbewegungen zwischen dem 28. Juni und dem 3. Juli 1940, der Tätigkeit der gemischten sowjetisch-rumänischen Kommission in Odesa und der Schließung der Grenzen gewidmet. Die Dokumente zeigen, dass nach der Isolierung des Gebietes und der Errichtung der neuen sowjetischen Verwaltung das Überschreiten des Dnisters nur mit Sondergenehmigung erlaubt war, während zahlreiche Einwohner heimlich nach Rumänien zu gelangen versuchten. Die Akten der vom NKWD Festgenommenen erlauben es, ihre Wege zu rekonstruieren: Einige wurden zur Beschaffung von Informationen eingesetzt, andere durchliefen Scheinprozesse und wurden in das sowjetische Strafvollzugssystem geschickt.
Ich analysierte auch die Gründung der Moldauischen SSR, die willkürliche Grenzziehung, die neue administrativ-territoriale Gliederung und die Kaderpolitik. Die Sowjetisierung wurde nicht nur durch Befehle aus Moskau durchgeführt, sondern auch durch einen Apparat, der größtenteils von außerhalb der Moldauischen SSR kam, kaum mit den örtlichen Gegebenheiten verbunden war und die Sprache der einheimischen Bevölkerung häufig weder beherrschte noch verwenden wollte. Gleichzeitig wurde Eigentum verstaatlicht, erste Formen kollektiver Landwirtschaft erprobt, Wirtschaft und Handel den unionsweiten Interessen untergeordnet und Zehntausende junge Menschen für schwere Arbeit in der sowjetischen Industrie angeworben.
Ein bedeutender Teil des Werkes ist der Religions- und Kulturpolitik gewidmet. Ich untersuchte die Auflösung der Metropolie Bessarabiens, die zwangsweise Unterstellung der Pfarreien unter die Jurisdiktion der Russisch-Orthodoxen Kirche, die Schließung und Schändung von Gotteshäusern, die Verfolgung des Klerus und den Widerstand durch Religion. Ich verfolgte außerdem die Umgestaltung des Schulwesens nach sowjetischem Vorbild, die Einführung der kyrillischen Schrift, die Auflösung bestimmter Bildungseinrichtungen und die Kontrolle über Bibliotheken, Verlage, Presse und Rundfunk. Das Buch zeigt damit, dass die Repression nicht nur auf die körperliche Freiheit zielte, sondern auch auf Erinnerung, Sprache, Glauben und Identität.
Die Neuartigkeit der Monografie liegt auch darin, dass sie eine beträchtliche Zahl unveröffentlichter Dokumente in den wissenschaftlichen Diskurs einführt und wenig erforschte Themen behandelt: die Tätigkeit der sowjetischen Justiz- und Strafvollzugsinstitutionen, die Verlagspolitik, den Widerstand durch Religion und individuelle Formen der Opposition. Besondere Aufmerksamkeit widmete ich der antisowjetischen Organisation „Majadahonda“ in Orhei, aber auch dem alltäglichen Widerstand: Verweigerungen, Versuche des Grenzübertritts, die Bewahrung rumänischer Symbole, die Verteidigung des Glaubens sowie die Handlungen von Bürgermeistern oder Intellektuellen, die eine Zusammenarbeit ablehnten.
Eine wichtige Schlussfolgerung lautet, dass Widerstand nicht immer die Form einer Organisation annahm. Im ersten Besatzungsjahr war er weitgehend individuell. Gerade deshalb war er schwerer zu erkennen und zu quantifizieren. Indem ich die repressive Reaktion des Staates den Antworten der Menschen gegenüberstellte, versuchte ich, das Bild einer vollkommen passiven Gesellschaft zu korrigieren. Das Buch zeigt, dass die Sowjetisierung in den ersten Stunden der Besatzung begann und die Jahre 1940–1941 als Laboratorium für Politiken dienten, die später in noch größerem Maßstab angewandt wurden: Vernichtung der Eliten, Russifizierung, wirtschaftliche Kontrolle, religiöse Repression und Umformung der Identität.
Für mich ist diese Monografie auch methodisch prägend. Sie verbindet Institutionengeschichte mit Fallstudien und individuellen Erfahrungen, Statistik mit Zeugenaussagen, offizielle Dokumente mit dem, was die Macht zu verbergen versuchte. Sie bringt mein Verständnis des Historikerberufs sehr klar zum Ausdruck: Es genügt nicht festzustellen, ein Regime sei repressiv gewesen. Man muss Institution für Institution und Schicksal für Schicksal nachweisen, wie die Repression aufgebaut und ausgeübt wurde und wie die Menschen darauf reagierten.
Frage: In Scrisori către Stalin sau spovedaniile celor ocupați (1947–1953) (Briefe an Stalin oder die Beichten der Besetzten, 1947–1953) scheint das Dokument fast zu einer unmittelbaren Stimme zu werden. Was haben Sie in diesen Briefen entdeckt?
Mariana S. Țăranu: Ich entdeckte eine Gesellschaft, die versuchte, mit der Macht in einer Sprache zu sprechen, die von der Macht akzeptiert werden konnte. Die Menschen schrieben Stalin über Missbrauch, Hunger, Beschlagnahmungen, Steuern, Verhaftungen und örtliche Ungerechtigkeiten. Manchmal beteuerten sie ihre Loyalität gegenüber dem Regime gerade deshalb, um die Wahrheit über das sagen zu können, was ihnen widerfuhr. Daher nannte ich die Briefe „Beichten der Besetzten“.
Diese Briefe müssen auf mehreren Ebenen gelesen werden. Sie enthalten Fakten, aber auch Angst, Hoffnung, Anpassung und Überlebensstrategien. Sie zeigen, wie isoliert der Einzelne in einem System geworden war, in dem die letzte imaginierte Instanz der Gerechtigkeit ausgerechnet der Führer jenes Regimes war, das die Ungerechtigkeit hervorgebracht hatte. Der Band ist nicht nur eine Edition von Dokumenten, sondern auch eine eindringliche Darstellung des Verhältnisses zwischen Individuum und absoluter Macht.
Frage: Die Hungersnot von 1946–1947 nimmt einen zentralen Platz in Ihrer Arbeit ein. Was ist die Kernaussage des Bandes Un genocid nerecunoscut. Foametea organizată de URSS în Basarabia (1946–1947) (Ein nicht anerkannter Genozid. Die von der UdSSR organisierte Hungersnot in Bessarabien, 1946–1947)?
Mariana S. Țăranu: Die Kernaussage lautet, dass die Hungersnot nicht allein durch die Dürre oder die Folgen des Krieges erklärt werden kann. Diese Faktoren verschärften die Lage, doch entscheidend verursacht wurde die Katastrophe durch die Politik des sowjetischen Staates: die zwangsweise Beschlagnahmung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die Festsetzung unverhältnismäßiger Ablieferungsquoten, die Entziehung der Vorräte der Haushalte, die Bestrafung jener, die nicht liefern konnten, und die ungleiche Verteilung der Ressourcen.
Während Menschen verhungerten, sammelte der Staat weiterhin Erzeugnisse ein und behandelte die Planerfüllung als oberste Priorität. Nahrung wurde zu einem Zwangsmittel. Die Hungersnot schwächte den Widerstand der Dörfer, verstärkte die Abhängigkeit von den Behörden und bereitete den Boden für die Kollektivierung. Im Buch untersuchte ich Verwaltungsdokumente, Aussagen der Opfer sowie demografische und soziale Folgen, um die Verbindung zwischen politischen Entscheidungen und dem Tod von Menschen aufzuzeigen.
Frage: Im Titel verwenden Sie die Formulierung „nicht anerkannter Genozid“. Wie verbinden Sie die Stärke dieser Aussage mit der Vorsicht, die eine Historikerin wahren muss?
Mariana S. Țăranu: Durch Beweisführung. Ein starker Titel entbindet die Historikerin nicht von der Pflicht, jede Aussage zu belegen; im Gegenteil, er erhöht ihre Verantwortung. Es gibt eine juristische und historiografische Debatte darüber, ob die Hungersnot als Genozid oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen ist. Diese Debatte muss mit Argumenten und nicht mit vorschnellen politischen Formeln geführt werden.
Für mich ist entscheidend, die Verantwortung des sowjetischen Regimes und den politischen Charakter der Mechanismen, die Mangel in eine Katastrophe verwandelten, unmissverständlich festzustellen. Eine Dürre beschlagnahmt kein Getreide, legt keine Quoten fest, durchsucht keine Haushalte und bestraft keine Bauern. Das tun Institutionen und Menschen, die eine bestimmte Politik umsetzen. Die Historikerin muss diese Kette der Verantwortung genau nachzeichnen.
Frage: Ihre Forschungen über die Hungersnot gingen über die gedruckte Seite hinaus. Wie entstand der gemeinsam mit Vitalie Guțu realisierte Dokumentarfilm?
Mariana S. Țăranu: Ich empfand, dass diese Tragödie der öffentlichen Erinnerung nicht nur durch Archivdokumente und Bücher zurückgegeben werden musste, sondern auch durch Bilder, Stimmen und unmittelbare Zeugnisse. Auf Initiative des bekannten Journalisten und Regisseurs Vitalie Guțu von TVR Moldova realisierten wir gemeinsam den Dokumentarfilm Omorâți prin înfometare sau timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu... (Durch Aushungerung getötet oder Zeiten, die Gott nicht gewollt hat...), den ersten Dokumentarfilm über die organisierte Hungersnot und ihre unmittelbaren wie langfristigen Folgen in Sowjetmoldau.
Die Entstehung des Films erforderte Feldforschung, Begegnungen mit Überlebenden und die unmittelbare Annäherung an die Orte, an denen sich die Tragödie ereignet hatte. Einen großen Teil der Bilder, die später meine Forschungen über die Hungersnot illustrierten, fotografierte ich selbst während der Arbeit am Dokumentarfilm. Der Film bestätigte mir, dass mündliche Zeugnisse nicht nur Informationen bewahren, sondern auch Zögern, Schweigen, Emotionen und Spuren eines Traumas, die ein Verwaltungsdokument nicht immer wiedergeben kann.
Die Zusammenarbeit mit Vitalie Guțu ermöglichte es, historische Forschung in eine filmische Erzählung zu verwandeln, die einem breiteren Publikum zugänglich ist. Ich brachte die historische Dokumentation und mein Wissen über die Mechanismen der Hungersnot ein; die Sprache des Films gab den Menschen, die diese Erfahrung durchlebt hatten, ein Gesicht und eine Stimme. Für mich ist der Dokumentarfilm gerade deshalb eine wichtige Leistung, weil er wissenschaftliche Genauigkeit mit der Verantwortung verbindet, Erinnerung über den Kreis der Fachleute hinaus weiterzugeben.
Frage: Im Jahr 2026 erschien Ihre jüngste Monografie RSSM în anii foametei staliniste (1946–1947): între teroarea politică și drama supraviețuirii (Die Moldauische SSR in den Jahren der stalinistischen Hungersnot, 1946–1947: zwischen politischem Terror und dem Drama des Überlebens). Was bringt dieses Buch im Vergleich zu Ihren früheren Forschungen Neues?
Mariana S. Țăranu: Es ist das Ergebnis von mehr als zehn Jahren Forschung und Reflexion über die Hungersnot. Der Band Un genocid nerecunoscut (Ein nicht anerkannter Genozid) konzentrierte sich auf die dokumentarische Begründung der Verantwortung des sowjetischen Staates und die Notwendigkeit, die Tragödie anzuerkennen. Die neue Monografie erweitert die Perspektive und untersucht gleichzeitig den politischen Mechanismus der Aushungerung und die Alltagserfahrung der Menschen. Deshalb verbindet der Untertitel „politischen Terror“ mit dem „Drama des Überlebens“. Das Buch erschien im Verlag Lexon in Chișinău mit Unterstützung des Kulturministeriums der Republik Moldau.
Ich begann mit dem Prozess der Durchsetzung der sowjetischen Lebensweise nach der erneuten Etablierung des Regimes im Jahr 1944 und mit der Anpassung der örtlichen Verwaltung an die aus dem Kreml kommenden Weisungen. Die Hungersnot lässt sich von diesem Zusammenhang nicht trennen. Der Staat wollte die Ressourcen kontrollieren, die Autonomie der bäuerlichen Haushalte einschränken und eine Bevölkerung, die noch immer an Eigentum, Traditionen und ihrer eigenen Identität festhielt, in eine von sowjetischen Institutionen abhängige Gesellschaft verwandeln.
Das Buch untersucht ausführlich das System, durch das den Haushalten ihre Ressourcen entzogen wurden: die Pflichtablieferungen landwirtschaftlicher Erzeugnisse — postavka —, Geld- und Militärsteuern, verpflichtende Staatsanleihen, Beschlagnahmungen und Sanktionen gegen Familien, die ihre Quoten nicht erfüllen konnten. Ich verfolgte auch den örtlichen Mechanismus der Requisitionen: die Einteilung der Dörfer in Haushaltsgruppen, die Aktivisten, die Häuser kontrollierten, und die aus anderen Orten herangebrachten „Brigaden der gegenseitigen Hilfe“, die erneut nach verstecktem Getreide suchten.
Ich bestreite die Bedeutung der Dürre nicht. Ich analysierte Klimadaten und zeigte, dass die Jahre 1945–1946 sehr trocken waren. Die Dürre erklärt jedoch eine schlechte Ernte, nicht aber, weshalb der Staat weiterhin Erzeugnisse beschlagnahmte, die steuerlichen Verpflichtungen erhöhte und Haushalte ohne Vorräte ließ, während die UdSSR Getreide exportierte. Eine natürliche Krise wurde durch politische Entscheidungen in eine menschliche Katastrophe verwandelt.
Frage: Der Untertitel des Buches spricht vom „Drama des Überlebens“. Wie haben Sie diese menschliche Dimension rekonstruiert?
Mariana S. Țăranu: Ich brachte Verwaltungsdokumente mit Aussagen von Überlebenden, der Presse der Zeit, Fotografien und Fachstudien in einen Dialog. Das offizielle Dokument zeigt uns Quoten, Befehle und den Kreislauf der Erzeugnisse. Die Zeugenaussage erzählt uns, was es bedeutete, eine doppelte Wand zu errichten, um einige Kilogramm Getreide zu verstecken, einen in der Familie gewebten Teppich gegen Nahrung einzutauschen, mit den letzten Gegenständen aus dem Haus in den Westen der Ukraine aufzubrechen oder Pflanzen und andere ungewöhnliche Produkte zu verzehren, um am Leben zu bleiben.
Ich untersuchte städtische und ländliche Lebenswelten getrennt. Stadtbewohner mit einem Arbeitsplatz erhielten begrenzte Lebensmittelmengen über das Rationierungssystem, während die meisten Bauern von dieser Verteilung ausgeschlossen waren, obwohl gerade bei ihnen die Produkte eingesammelt worden waren. Die von den Behörden verspätet geleistete Hilfe bestand größtenteils aus Darlehen, die aus der nächsten Ernte zurückgezahlt werden mussten. Kantinen und Sonderstationen für Hungerkranke boten unzureichende und selektive Unterstützung; Vorrang erhielten Menschen, die noch als arbeitsfähig galten und Überlebenschancen hatten.
Eine besondere Dimension der Monografie ist die Untersuchung der Bestattungsformen. Die große Zahl der Toten und die Erschöpfung der Gemeinschaften führten zu Massengräbern, Bestattungen ohne Sarg und ohne religiösen Ritus und mitunter sogar dazu, dass Familien ihre Angehörigen nicht beerdigen konnten. Ich behandelte auch extreme Fälle von Kannibalismus und Nekrophagie — nicht wegen ihrer schockierenden Wirkung, sondern weil sie zeigen, bis zu welcher Grenze ein Mensch getrieben werden kann, wenn ihm systematisch Nahrung entzogen wird.
Der letzte Teil des Buches verfolgt die demografischen, wirtschaftlichen, moralischen und psychologischen Folgen. Die Hungersnot erzeugte Angst, Misstrauen, den Zerfall der Solidarität und eine auf Nahrung bezogene Beklemmung, die an spätere Generationen weitergegeben wurde. Das Regime schrieb vor, den Begriff „Hungersnot“ in offiziellen Unterlagen zu vermeiden. Diese Leugnung fügte dem körperlichen Leiden ein zweites Trauma hinzu: die Unmöglichkeit, öffentlich über das Geschehene zu sprechen.
Die Monografie ist meinen Eltern Lidia und Simion Țăranu, meinen Großeltern und allen Eltern und Großeltern gewidmet, denen das sowjetische Regime die Möglichkeit nahm, in Freiheit zu leben. Diese Widmung erklärt auch, worum es in dem Buch geht. Es ist eine auf Quellen beruhende akademische Untersuchung, aber zugleich ein Akt moralischer Wiedergutmachung. Die Zeugenaussage ersetzt das Dokument nicht, und das Dokument hebt die Erinnerung nicht auf; nur wenn beide kritisch miteinander konfrontiert werden, können sie das Ausmaß der Tragödie wiedergeben.
Frage: Im Band Timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu sau deportarea elitelor din Moldova sovietică (Zeiten, die Gott nicht gewollt hat, oder Die Deportation der Eliten aus Sowjetmoldau) konzentrieren Sie sich auf die Eliten. Wie definieren Sie „Elite“ in diesem Zusammenhang?
Mariana S. Țăranu: Ich meine nicht nur eine Elite mit Diplomen oder Ämtern. In einer ländlichen Gemeinschaft konnten ein Lehrer, ein Priester, ein angesehener Bauer, ein erfahrener Beamter oder jemand, der die Erinnerung des Ortes bewahrte, eine wesentliche Autorität besitzen. Das Regime verstand, dass es die unabhängigen Orientierungspunkte der Gesellschaft beseitigen musste, um sie kontrollieren zu können.
Deportation bedeutete mehr als die Entfernung einzelner Menschen. Sie bedeutete die soziale Enthauptung von Gemeinschaften, die Beschlagnahmung des Eigentums, die Zerstörung von Familien und die Weitergabe der Angst an die Zurückgebliebenen. Der Titel des Buches verweist auf den Bruch zwischen der natürlichen Ordnung des Lebens und der von der Macht willkürlich aufgezwungenen Zeit. Ich untersuchte sowohl den Repressionsmechanismus als auch die Biografien jener Menschen, die in Akten und administrative Kategorien verwandelt wurden.
Frage: Războiul și trădările. Mărturiile unui general (Krieg und Verrat. Zeugnisse eines Generals) scheint eine andere Richtung zu eröffnen. Welche Rolle spielten Sie bei der Entstehung dieses Buches?
Mariana S. Țăranu: Ich lernte General Anton Gămurari im Sommer 2017 kennen, als ich die Sendung Recurs la istorie (Rückblick auf die Geschichte) beim Radiosender Vocea Basarabiei (Stimme Bessarabiens) gestaltete. Am 16. Juni lud ich ihn ein, über den Krieg von 1992 und die Folgen der russischen militärischen Aggression im Osten der Republik Moldau zu sprechen. Nach der Sendung setzten wir das Gespräch fort, und mir wurde klar, dass vor mir nicht nur ein Teilnehmer der Ereignisse saß, sondern ein Zeitzeuge mit einer noch unzureichend bekannten historischen Erfahrung. Ich schlug ihm vor, seine Erinnerungen in einem Buch zu erzählen, und er stimmte zu.
Zwischen Juni und Oktober 2017 nahmen wir zehn Stunden und zwanzig Minuten Material auf. Ich transkribierte, redigierte und systematisierte es hauptsächlich nach chronologischen Kriterien, ohne die Gedankenstruktur und die Stimme des Generals zu verändern. Ich gliederte die Aussagen in dreizehn Kapitel und fügte zwei für Recurs la istorie geführte Interviews hinzu, außerdem die 2017 im Nationalmuseum für Geschichte der Republik Moldau gehaltene Rede von Anton Gămurari, die unbeantwortet gebliebenen Fragen, eine Kontextstudie, Personen- und Ortsregister sowie umfangreiches Bildmaterial.
Der Titel Războiul și trădările (Krieg und Verrat) ergab sich unmittelbar aus der Aussage des Generals. Er bezeichnete die Ereignisse von 1992 unmissverständlich als einen Krieg der Russischen Föderation gegen die Republik Moldau und kam häufig auf Informationslecks, widersprüchliche Befehle und Verrat zurück, denen er nach eigener Aussage innerhalb der staatlichen Strukturen begegnet war. Leider erschien der Band erst nach dem Tod des Generals, wodurch diese Arbeit zugleich zu einer Pflicht der Erinnerung wurde.
Frage: Was erfährt der Leser aus den Aussagen von General Anton Gămurari, und weshalb halten Sie dieses Buch heute für wichtig?
Mariana S. Țăranu: Das Buch verfolgt die berufliche Entwicklung des Generals, die Ereignisse im Süden der Republik Moldau und die Gagausenfrage, die Aufstellung von Spezialeinheiten, die Verschlechterung der Lage am linken Dnisterufer und den Krieg von 1992. Aus der Perspektive eines Mannes an vorderster Front berichtet Anton Gămurari über die Kämpfe bei Dubăsari, Cocieri, Coșnița, Tighina und in anderen Gebieten, über Freiwillige und Partisanen, den Mangel an Ressourcen, das Eingreifen der 14. Armee und die Schwierigkeiten bei der Koordinierung der Verteidigung eines gerade erst entstandenen Staates.
Der Band ist jedoch nicht nur Militärgeschichte. Er ist zugleich eine eindringliche Darstellung der moldauischen Gesellschaft im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit. Die Zeugenaussage behandelt das Verhältnis zwischen Front und politischer Führung, Korruption, Banditentum, institutionelle Rivalitäten, die Vernachlässigung mancher Kriegsteilnehmer nach dem Krieg und die Marginalisierung jener Menschen, die die territoriale Integrität des Staates verteidigt hatten. So entdeckt der Leser das, was der General den „Krieg im Krieg“ nannte.
Als Historikerin achtete ich darauf, die Unterscheidung zwischen Zeugenaussage und Urteil zu bewahren. Die Erinnerungen enthalten schwere Vorwürfe und persönliche Deutungen, die mit anderen Dokumenten und Sichtweisen verglichen werden müssen. Gerade darin liegt der Wert einer mündlichen Quelle: Sie liefert kein endgültiges Urteil, sondern die unmittelbare Perspektive eines Beteiligten, seine Sprache, seine Fragen und die Art, wie er die Ereignisse erlebte. Meine Aufgabe bestand darin, die Authentizität seiner Stimme zu bewahren, ihr eine verständliche Struktur zu geben und sie in einen überprüfbaren historischen Rahmen einzuordnen.
Die Aktualität des Buches wurde nach Russlands großangelegtem Angriff auf die Ukraine noch deutlicher. In der Republik Moldau hatte die Russische Föderation bereits die Unterstützung des Separatismus, den Einsatz lokaler Kräfte und die spätere Verwandlung des Aggressors in einen „Friedensstifter“ erprobt. Die Aussagen von General Gămurari helfen uns, die Kontinuität dieser Mechanismen und die Gefahr zu verstehen, anstelle der dokumentierten Wirklichkeit die vom Aggressor aufgezwungene Sprache zu übernehmen.
Frage: Welche Bedeutung hat das Archiv für Ihre Art, Geschichte zu schreiben?
Mariana S. Țăranu: Das Archiv ist grundlegend, aber die bloße Zitierung eines Dokuments garantiert noch keine Wahrheit. Sowjetische Dokumente wurden von Institutionen mit eigenen Interessen, Formeln und Verschleierungsmechanismen produziert. Ein Bericht kann eine Tragödie verharmlosen, die Schuld verlagern oder hinter einem Prozentsatz das Leben Tausender Menschen verbergen. Deshalb prüfe ich die Quelle, den Verfasser, den Überlieferungsweg des Dokuments, den Zweck seiner Entstehung und das Verhältnis zwischen dem, was es behauptet, und dem, was es verschweigt.
Ich schätze die mehrsprachige und vergleichende Forschung. Rumänische, russische, ukrainische und westliche Quellen erzählen nicht immer dieselbe Geschichte, und gerade die Unterschiede zwischen ihnen können besonders aufschlussreich sein. Das Archiv ist kein Lager fertig formulierter Gewissheiten, sondern ein Ort, an dem die Historikerin lernt, präzisere Fragen zu stellen.
Frage: Hat Ihre Tätigkeit im Archivwesen und Ihre Beschäftigung mit der Geschichte Hermannstadts beziehungsweise Sibius Ihre Perspektive verändert?
Mariana S. Țăranu: Sie hat sie erweitert. Die Erforschung Sowjetmoldaus bleibt die Hauptachse meiner Arbeit, doch die Beschäftigung mit dem dokumentarischen Erbe Sibius eröffnete mir eine andere historische Erfahrung: eine multiethnische Stadt mit rumänischen, siebenbürgisch-sächsischen, ungarischen und jüdischen Traditionen, in der sich Institutionen und Erinnerungen überschneiden.
Ich achte nun noch stärker darauf, wie sich die große Geschichte in der örtlichen Verwaltung, in der Presse, im Alltag und in den Beziehungen zwischen Gemeinschaften widerspiegelt. Sowjetmoldau und Sibiu sind sehr unterschiedliche historische Räume, doch beide zeigen, wie wichtig örtliche Dokumente für das Verständnis europäischer Prozesse sind.
Frage: Die Erforschung von Repression und Hungersnot kann belastend sein. Wie bewahren Sie das Gleichgewicht zwischen Empathie und kritischer Distanz?
Mariana S. Țăranu: Empathie ist notwendig, darf aber die Beweisführung nicht ersetzen. Wird die Historikerin gleichgültig, verliert sie den menschlichen Sinn ihrer Forschung. Lässt sie die Emotion vor den Quellen entscheiden, riskiert sie, die wissenschaftliche Genauigkeit zu verlieren. Ich versuche, dieses Gleichgewicht zu wahren: das Leid nicht in Statistik zu verwandeln, aber das Drama auch nicht als Ersatz für Argumente zu verwenden.
Diese Themen haben mich aufmerksamer für die Zerbrechlichkeit der Freiheit und für die Leichtigkeit gemacht, mit der Verwaltungssprache Gewalt verdecken kann. Sie haben mich auch gelehrt, dass Menschen nicht nur als Opfer betrachtet werden dürfen. Selbst unter extremen Bedingungen suchen sie Lösungen, helfen einander, leisten Widerstand und bewahren einen Teil ihrer inneren Freiheit.
Frage: Für wen schreiben Sie: für Fachleute oder für ein breites Publikum?
Mariana S. Țăranu: Für beide. Ein Geschichtsbuch muss der Lektüre durch Fachleute standhalten: Es braucht solide Quellen, klare Begriffe und überprüfbare Argumente. Ich glaube jedoch nicht, dass Genauigkeit eine unzugängliche Sprache verlangt. Bleibt die Forschung in einem engen Kreis eingeschlossen, wird die Gesellschaft ihre Erklärungen weiterhin aus Mythen, Propaganda oder vereinfachten Botschaften beziehen.
Ich versuche so zu schreiben, dass Fachleute die Methode erkennen und Leser ohne Spezialkenntnisse zugleich dem menschlichen Schicksal und der Logik der Ereignisse folgen können. Vermittlung bedeutet für mich nicht, die Wahrheit zu vereinfachen, sondern eine klare Form für eine komplexe Wahrheit zu finden.
Frage: Verstehen Sie sich als gesellschaftlich engagierte Historikerin?
Mariana S. Țăranu: Ja, wenn wir darunter die Verantwortung verstehen, dokumentierte Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu bringen und zu reagieren, wenn die Vergangenheit verfälscht wird. Ich glaube jedoch nicht, dass gesellschaftliches Engagement einer Historikerin erlaubt, nur bequeme Tatsachen auszuwählen. Im Gegenteil: Eine öffentliche Stimme ist nur dann glaubwürdig, wenn sie sich auf dieselbe Disziplin im Umgang mit Quellen stützt.
Die Erinnerung an Hungersnot, Deportationen und sowjetische Besatzung gehört nicht nur den Familien der Opfer. Sie betrifft die Art und Weise, wie eine Gesellschaft Menschenwürde, staatliche Verantwortung und die Gefahr versteht, Ideologie in eine gegen die eigenen Bürger gerichtete Politik zu verwandeln.
Frage: Was sollen die Leser nach der Lektüre dieses Interviews und Ihrer Bücher über Sie verstanden haben?
Mariana S. Țăranu: Dass ich die Geschichte nicht gewählt habe, um die Vergangenheit aus der Ferne zu betrachten. Ich habe sie gewählt, um zu verstehen, wie Macht in das Leben der Menschen eindringt und wie die Wahrheit verteidigt werden kann, wenn Dokumente verborgen, Erinnerungen unterdrückt und Opfer zum Schweigen gezwungen wurden.
Ich möchte als genaue, aber nicht gefühllose Historikerin wahrgenommen werden; als Forscherin, die schwierige Themen nicht scheut und Ernsthaftigkeit nicht mit Starrheit verwechselt. Meine Bücher handeln von Repression, Hungersnot, Deportation und Krieg, doch in ihrem Zentrum steht der Mensch — verletzlich gegenüber der Macht, zum Widerstand fähig und berechtigt, seine Erinnerung zurückzugewinnen.
Frage: Wenn Sie Ihre Aufgabe in einem einzigen Satz formulieren müssten, wie würde er lauten?
Mariana S. Țăranu: Ich schreibe Geschichte, um den Menschen die Namen, Erfahrungen und die Wahrheit zurückzugeben, die ihnen genommen wurden.
Im Interview vorgestellte Bücher
- Vladimir Lenin fără machiaj sau teroarea intelectualității sovietice — Wladimir Lenin ungeschminkt oder der Terror gegen die sowjetische Intelligenzija (2007)
- Moldova de la Est de Prut în timpul primei ocupații sovietice (1940–1941) — Moldau östlich des Pruth während der ersten sowjetischen Besatzung, 1940–1941 (2010)
- Scrisori către Stalin sau spovedaniile celor ocupați (1947–1953) — Briefe an Stalin oder die Beichten der Besetzten, 1947–1953 (2014)
- Cimișeni – file de istorie (1660–2013) — Cimișeni – Seiten der Geschichte, 1660–2013 (2014)
- Represiunea și rezistența din RSSM în perioada primei ocupații sovietice (1940–1941) — Repression und Widerstand in der Moldauischen SSR während der ersten sowjetischen Besatzung, 1940–1941 (2021)
- Un genocid nerecunoscut. Foametea organizată de URSS în Basarabia (1946–1947) — Ein nicht anerkannter Genozid. Die von der UdSSR organisierte Hungersnot in Bessarabien, 1946–1947 (2021)
- Timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu sau deportarea elitelor din Moldova sovietică — Zeiten, die Gott nicht gewollt hat, oder Die Deportation der Eliten aus Sowjetmoldau (2023)
- Războiul și trădările. Mărturiile unui general — Krieg und Verrat. Zeugnisse eines Generals (2025; die Aussagen von General Anton Gămurari, aufgezeichnet und strukturiert von Mariana S. Țăranu)
- RSSM în anii foametei staliniste (1946–1947): între teroarea politică și drama supraviețuirii — Die Moldauische SSR in den Jahren der stalinistischen Hungersnot, 1946–1947: zwischen politischem Terror und dem Drama des Überlebens (2026)
Im Interview vorgestellter Dokumentarfilm
- Omorâți prin înfometare sau timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu... — Durch Aushungerung getötet oder Zeiten, die Gott nicht gewollt hat...; realisiert von Mariana S. Țăranu gemeinsam mit dem Journalisten und Regisseur Vitalie Guțu von TVR Moldova
